Zeitungsenten


wie Drohnen aus vollem
Rohr und Gewehrkolben
verschießen Schrot in die
beflügelte Goldgräberstimmung
hacken die Beine von Donald Duck

Moralisierende leiden am Bärenklau
die Wahrheitssucher versumpfen
in ihren akademischen Tollhäusern
Gipfelstürmer auf deutschen Eichen

Bundeswehr Zug der Prozessionsspinner
unumkehrbar scheint die Zeitenwende
in Abschreckung erstarrt die Angst
Hasen verstecken sich in Kellern

nur die Enten unbeeindruckt
fliegen weiter


In dem Buch "Man befindet sich stets mittendrin, tut aber gerne so, als hätte man alles im Blick" entfaltet Enno Ahrens eine vielstimmige Collage aus Alltagsbeobachtungen, die sich wie ein Riss durch das geformte Selbst zieht. Der Erzähler wandert durch markante Lebensmomente, doch stets im Modus des Distanz- und Selbstbetrugs, als spräche man von außen und doch mit verzweifelter Innenperspektive. Die Erzählstimme balanciert zwischen provokanter Satire und melancholischer Abgründigkeit, wodurch sich eine schillernde Textur von Humor und Tragik ergibt. Aus realen Begebenheiten, Gerüchten und erfundenen Stationen konstruiert der Autor ein Gewirk aus Stimmen, das ein widersprüchliches Bild von Zugehörigkeit und Beobachtung erzeugt. Die Sprache operiert mit bildkräftigen Metaphern und prägnanten, oft humorvoll aufgeladenen Passagen, die den Leser gleichzeitig anheften und irritieren. So entsteht ein gesellschaftlicher Spiegel, der nicht nur das Sichtbare, sondern das unbewusste Mitdenken nachzeichnet. Der Stil bleibt konsekutiv, glänzt durch eine prägnante Dichte, in der jeder Satz als kleine Exkursion fungiert. Am Ende verweilt die Lektüre in einer stillen Erkenntnis: Das Vermögen, die Welt zu überblicken, bleibt oft nur eine Selbsttäuschung im lebendigen Fluss des Lebens.


Erst später wurde mir klar:

 Wer sich in steile Gebiete der Philosophie wagt,
sollte herunter kommen von seinem hohen Ross.
Ein Esel böte da einen sicheren Tritt. Und es gilt:
Lieber einen Fisch an der Angel, als keinen in der Reuse.
Die Menschenwürde bemisst sich an ihrem Soll-Zustand;
ihr Ist-Zustand ist unwürdig. Man soll der Vergänglichkeit
ein Schnippchen schlagen, sich an die erfüllten Stunden
oder Jahre erinnern mit Gewinn.

Ich schaue gerade in den Spiegel, kneife meine lose Haut
am Hals, raffe Falten, dass sich das Gesicht strafft. Ja, ich
war früher mal schön und glatt. Die Weisen empfehlen,
genieße den zufriedenen Augenblick, aber dass man auch
loslassen können muss. Ich ließ los und da hingen sie wieder
durch, die Früchte des Alterns, diese schlaffen Lefzen, echt
Scheiße.

Indessen unternahm mein Gemütskaninchen
Feldversuchungen aus seiner Nano-Perspektive
beim Wiedereintritt entlang der Spannungslinien
zwischen den wogenden Hitzewallungen seiner
cerebralen Funktion innerhalb der oszillierenden
elektromagnetischen Frequenz, jedoch denke ich,
nur deshalb, weil wir uns gerade parallel im Quadrat
der Zeitachse mit der Kleinen Magellanschen Wolke
befanden, und nicht im Hasenpanier mit uns selbst.

Ja, es wurde mir klar, die verschollene
Würde würde nur wiederkehren, wenn ich in
Würde mich zeigen würde, wie neulich, als ich
erhobenen Hauptes durch den Supermarkt
schritt; wie eine Lichtgestalt wurde ich angestarrt,
in den Augen der Kunden spiegelte sich meine
Erhabenheit, machte mich erhaben über alles,
über den schnöden Mammon, über meine
schlaffen Lefzen, und sogar über die Hundescheiße
vor dem Laden, über der ich in diesen hineinrutschte,
wie in jene Offenbarung mit dem Gemütskaninchen.

Das alltägliche Brot

ist hart geworden
mit Löchern darin

die Luft zum Atmen
riecht nach Schießpulver

das Singen der
Vögel ist verstummt
im Hagel der Kanonen

zuviel welkes Blatt
am Baum des Lebens

die Träume von einem
glücklichen Europa
sind fortgeflogen

mit den Störchen
ziehen sie dahin
am blutenden Himmel

Ein Hauch von Selbstverständlichkeit

Ich konnte mir es auch nicht erklären,
was mich veranlasste, ihren Sohn
wegzuzerren beim Drängeln und
Rudern mit den Armen vor dem Bus.

Ich erklärte dem Gericht, dass ich das
noch winzige Leben, das die Schwangere
neben mir in sich trug, schützen wollte
vor dem Pulk der schubsenden
Meute, die in den Einstieg drängte
wie in Panik versetzte Ratten, welche
sich in ein Kanalrohr zwängten.

Der Junge mit den boxenden Armen
kam der Schwangeren bedrohlich nahe,
da packte ich ihn bei den Ohren und
zog ihn weg von ihr.

Ich hätte den Jungen auffordern können,
Rücksicht zu nehmen, aber von überall schrille
Stimmen; der Junge hätte es nicht gehört.

Was war nun der Tatbestand: Ich
hatte einem Jungen in gröbster Weise
Gewalt angetan, einem der jene
Schwangere nicht einmal berührt hatte.

Natürlich behauptete ich, mein Eingreifen
sei unvermeidlich gewesen, habe Schlimmeres
verhindert, konnte es jedoch nicht beweisen.
"Aber", sagte ich dem Gericht, "Ich würde
es immer wieder so machen."
Rational erklären konnte ich es mir nicht; es
geschah aus einem vagen Gefühl heraus.

Wenn es nach der Mutter des kleinen
dicken Jungen gegangen wäre, hätte man
mich für immer wegsperren müssen.
Aber ihr Liebling war unversehrt geblieben.
Sogar die Ohren waren noch dran.

*

Der Nachgesang

von Ednas High Heels auf dem
Asphalt vor dem Wohnblock
klang elegisch zwischen den
Spalieren von Rosa Rugosa
ein Abschied auf leichten
Sohlen im Ton einer
Unentschlossenheit

Wollte mich in jener Nacht
von der Seufzerbrücke stürzen

und plötzlich im Gehör
das fragende Echo
ihrer High Heels und ich
rannte zurück durch die Spaliere
von rosarotem Rugosa

bei Honigmond

Rücklauf 8.14 Uhr
Ankunft nicht vorhersehbar
mein Zug nach Utopia würde
irgendwo seine Gleise verlassen

rein zufällig stürzte er ab
von der Brücke Zur Hoffnung
in den Fluss des Möglichen

dort hatte es mich an meine
Traumpartnerin gebunden

mit ihr gab es ein
überraschendes Erwachen
im Bett mit meiner Edna

die mich entfesselte

Sing Magenader sing

domauf gegen die Angst vor
der aufschlagenden Rinde
sing
von erloschenen Gestirnen
am Knallerbsenstrauch
sing
von den kulturtoten Winkeln
von den Viren
in dem digitalen Blätterwald

sing davon
wie die Freibeuter den Klo-bus
mit Plastikmüll zuscheißen
dem Planeten den Bauch aufschlitzten
die Regenwälder wegrasieren
und sämtliche Organe entnehmen
er nun atemlos durchs All taumelt

sing
von der Demarkationslinie
die uns schützen sollte
und schützte doch nur sich selbst
vor unseren Plattfüßen beim
Stolpern über den Berg von Büchern

und ihren Paradoxien
die wir nie begreifen werden

so marschieren wir weiter entlang an
den Säumen unserer Nicht-Erkenntnisse

und am irdischen Horizont
Geistesblitze fangend

Das Leben sei sinnlos

und nun plagt ihn auch noch
eine Steißbeinfistel die
herausoperiert werden muss

Alles für`n Arsch
jammert er

Ich schlage ihm vor
aus dem Leben zu scheiden

Vielleicht später sagt er

vorher wolle er unbedingt noch
die Geburt seines Enkels abwarten
und sei neugierig

ob Hannover 96 es diesmal
schaffe in die erste Liga

und wenn seine OP
gut verläuft erwägt er
mit einem E-Bike
die Welt zu erkunden

Ich frage ihn ob er denn
auch gespannt sei auf die
neuen Romane und Gedichte

Er meint Lyrik zu lesen
sei zwecklos
Lyrik müsse man erleben
in freier Natur
mit allen Sinnen

genau wie das Leben selbst

über den Sinn des Daseins
und den Tod hinaus
zu sinnieren sei sinnlos

das Leben will gelebt werden

Das menschliche Gehirn sei fest
verwachsen mit dem Erdenlauf

einen höheren Sinn zu suchen
führe in die Irre

allein die philosophische Frage
nach dem Anfang der Welt oder
warum überhaupt etwas ist
kann das menschliche Gehirn
niemals beantworten

Ja mag sein ich nicke ihm zu
freue mich schon auf den Mai
wenn es mich hinauszieht in
die grünende blütenduftende
Kulturlandschaft
dort ist meine Kirche - gefühlt




http://enno-ahrens.jimdosite.com